Deutsche Sprache verändert sich

Rettet dem Deutsch!

Warum sich die deutsche Sprache nicht nur durch Migration verändern wird.

In diesen Tagen macht ein älterer ZEIT-Artikel in den sozialen Medien die Runde, der den „Sprachverfall“ der deutschen Sprache beklagt. Die Deutschen sprechen immer schlampiger, korrekte Grammatik ist ihnen zunehmend egal, sagt der Autor Uwe Hinrichs. Die Ursache dafür liegt laut Hinrichs in der Migration begründet. Wie wir von Horst Seehofer gelernt haben, ist Migration grundsätzlich die Mutter aller Probleme, also dürfte uns das kaum überraschen.

Uwe Hinrichs ist Professor für Südslavische Sprachwissenschaft und Balkanlinguistik in Leipzig, das mag seinen Blick vielleicht etwas verengen. Bereits 2013 schrieb er ein Buch, das sich mit dem Einfluss von Migration auf die deutsche Sprache beschäftigt („Multi Kulti Deutsch. Wie Migration die deutsche Sprache verändert.“) Nun will ich Hinrichs gar nicht widersprechen. Zweifelsohne verändert Migration die deutsche Sprache und das sicherlich in einem deutlich zügigeren Tempo als vor dreißig Jahren. Über etwas skurrile Feststellungen, was heute angeblich gebräuchlich ist, will ich mal hinwegsehen. (Zitat: „Vollkommen salonfähig sind bereits Sätze wie ‚sie spielten mit ein niedlichen Eisbär’ “)

Viel wichtiger ist: Der Artikel klammert andere Faktoren, die massiv auf unsere Sprache einwirken, vollkommen aus. Dabei gibt es da so einige und sie sind aus meiner Sicht bedeutend. Ich habe sie mal in drei Thesen verpackt.
 

These 1: Die Grenzen zwischen Schriftsprache und gesprochener Sprache verschwimmen.

Uwe Hinrichs unterscheidet zwischen dem Schriftdeutschen, einer Hochsprache, die in Wissenschaft und Literatur gepflegt wird, und dem gesprochenen Wort, das der Alltagskommunikation dient. Doch diese Trennschärfe ist überholt. Jeder schreibt. In den sozialen Medien ist die Kommunikationsform (noch) schriftlich. Blogs finden genauso ihre Leser wie die Angebote der „alten“ Medien. Und durch Self Publishing kommen unzählige Bücher auf den Mark, die einen Lektor nicht mal von weitem gesehen haben. Doch das schriftliche Wort hat Gewicht: Je häufiger sich grammatikalische Fehler sehen lassen, desto stärker prägen sie sich ein. Das Unterbewusstsein der Leser sagt sich: Was verschriftlicht wurde, kann nicht falsch sein. „Wer schreibt, der bleibt“ – und seine Fehler auch. So drängt die Umgangssprache in ihrer Fehlerhaftigkeit ins Schriftliche, die Literaten und Wissenschaftler von morgen wachsen damit auf.
 

These 2: Sprachsteuerung macht Schreiben überflüssig.

Während die schwungvolle Handschrift ausstirbt, wird noch immer fleißig getippt und gedaumt. Doch diese Zeiten sind bald vorbei. Dann bitten wir unsere Geräte nur noch zum Diktat oder füttern sie unmittelbar mit unseren Fragen und Gedanken. Alexa, Siri und der Google Assistent können bereits enorm viel und stecken dennoch in den Kinderschuhen. Je häufiger wir mit Sprachassistenten reden, desto mehr wird sich unsere Sprache und damit auch unser Denken anpassen. Wir werden „keywordorientierter“ denken. Sicher ist es kein Problem, die Assistenten mit ganzen Sätzen zu konfrontieren. Doch das wird uns schnell zu umständlich erscheinen. Statt „Wo hab ich mein Auto geparkt?“ geht es schneller „Auto – wo?“ zu sagen, so wie wir „Licht an!“ sagen, statt „Mach mal das Licht an“. Es klingt noch merkwürdig, aber das Sprechen mit Geräten wird einen Einfluss auf unsere Sprache nehmen. Ich bin, nebenbei gesagt, auch davon überzeugt, dass die häufige Verwendung von Hashtags unsere Art zu denken beeinflusst. Wer Situationen und Ereignisse ständig verschlagwortet, denkt und fühlt anders als jemand, der sich ihnen wortlos hingibt.
 

These 3: KI formt eine neue Norm.

Es wird nicht mehr lange dauern, dann werden große Anteile der digitalen, schriftlichen Inhalte nicht mehr von Menschen verfasst worden sein. Selbstlernende Software übernimmt die Verschriftlichung von Pressemitteilungen, Produktbeschreibungen, Nachrichten und Webtexten verschiedenster Art. Und natürlich auch von Belletristik und Sachbüchern. Das findet bereits heute statt, wird aber laufend verfeinert, verbessert und schließlich flächendeckend eingesetzt werden. Eine Software, die gern „intelligent“ genannt wird, arbeitet standardisiert. Sie „weiß“, welche Begriffe für welche Zielgruppe angemessen sind. Und sie wird sich auch der Sprache der Zielgruppe anpassen, fortlaufend. Schreibsoftware ist eine Anbiederungsmaschine im Dienste des kommerziellen Erfolgs und der Einsparung von Arbeitskraft. Sie ist niemals sperrig, sie fordert nicht, sie irritiert nicht. Sie simuliert Emotionen, die es nicht gibt. So vielseitig sie sich auch zeigt, sie wird gleichförmig bleiben. Ihre Werke werden Einfluss nehmen. Auf unsere Art, Texte zu rezipieren, aber auch auf unsere eigene Wortwahl.

Man könnte nun noch über Bildung reden, über die Überforderung bei Inklusion und Integration, über Lehrermangel und irrwitzige Lernkonzepte. Die Mutter aller Probleme liegt in Wahrheit bei fehlender Bildung, aber dieses Thema mochte Uwe Hinrichs wohl nicht anfassen. Er sieht in seinem Artikel die Vereinfachung der Sprachregeln als treibende Kraft für Veränderung. Aber das ist eben nur ein Teil der Wahrheit. „Julians Mantel“ ist deutlich einfacher und kürzer als „Der Mantel von dem Julian“ oder „Der Mantel, wo dem Julian gehört“. Neben den genannten Thesen, die eher die Zukunft im Blick haben, sind regionale Besonderheiten im Satzbau noch immer wichtig. Und auch die verändern manchmal die Sprache der ganzen Republik: Selbst im süddeutschen Raum tun heute viele Menschen das, was früher den Leuten im Osten eigen war. Sie gehen „auf Arbeit“.

 
Bild: © tommaso79 – istockphoto.de
 
Warum sich unsere Sprache verändert

2 Kommentare

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UlrikeAntworten
Januar 27 am 08:01 PM

Mir fällt sehr unangenehm auf, dass die Sprecher in den Medien so dahersabbeln. Sprache ist ihr Werkzeug, wie das Operationsbesteck des Chirurgen. Niemand möchte mit schartigem, rostigen, schlecht desinfizierten Instrumenten operiert werden. Aber die Radiosprecher quatschen daher, dass es einen graust! Füllwörter, ständige äh, und ewig die Wendung “so’n bisschen”. Diese “So’n- Bisschen- Seuche” (auch im Frnsehen) ist mein Hassobjekt. Man traut sich einfach nicht, eine klare exakte Aussage zu machen. Nein, das muss relativiert werden.

Heidi SchmittAntworten
Januar 27 am 09:01 PM
– Als Antwort auf: Ulrike

Ich glaube, es muss “ein Stück weit” relativiert werden. 🙂

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